Geschichte der Reimbibeln: Unterschied zwischen den Versionen
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[https://de.wikipedia.org/wiki/Gattung_(Literatur) Gattungsbezeichnungen] und die Zuordnung einzelner literarischer Werke zu bestimmten Gattungen unterliegen einem wissenschaftlichen Aushandlungsprozess, der bedingt etwa durch fortlaufende Kritik und die Neubewertung früherer historische Setzungen zu einem ausdifferenzierterem Bild der Vielfalt und Vielschichtigkeit literarischer Produktion führt. | [https://de.wikipedia.org/wiki/Gattung_(Literatur) Gattungsbezeichnungen] und die Zuordnung einzelner literarischer Werke zu bestimmten Gattungen unterliegen einem wissenschaftlichen Aushandlungsprozess, der bedingt etwa durch fortlaufende Kritik und die Neubewertung früherer historische Setzungen zu einem ausdifferenzierterem Bild der Vielfalt und Vielschichtigkeit literarischer Produktion führt. | ||
Ob es eine Gattung der (mittelalterlichen) "Reimbibeln" tatsächlich gibt/gab ist grundsätzlich fraglich. | Ob es eine Gattung der (mittelalterlichen) "Reimbibeln" tatsächlich gibt/gab ist grundsätzlich fraglich. Dass einzelne, im 19. und 20. Jahrhundert wiederentdeckte Werke die Bezeichnung 'Reimbibel' im Namen tragen (sei es als traditionelle Betitelung oder als Beschreibung durch ihre wissenschaftlichen Entdecker) könnte dazu anregen, diese gemeinsame Etikettierung als Anlass für den Versuch einer Definition einer solchen Gattung zu nehmen. Was eine Reimbibel tatsächlich sein soll - was also die Summe der ihr zugeschriebenen Werke gemeinsam haben und sie von anderen abgrenzt - ist allerdings schwierig zu benennen. | ||
==Versuch einer Definition von Franz Kaulen== | ==Versuch einer Definition von Franz Philipp Kaulen (1827-1907)== | ||
: <i>Reimbibeln heißen mittelalterliche Übersetzungen der der heiligen Schrift, welche in der dichterischen Kunstform der damaligen Zeit, nämlich in kurzen gereimten Verszeilen abgefaßt sind. […] Die Reimbibeln sind nämlich eigentliche Übersetzungen des lateinischen Bibeltextes, welche nur in dichterisches Gewand gekleidet sind, sonst aber den Wortlaut ihrer Vorlage möglichst beibehalten.“</i><ref>Zweite Auflage, Hrsg. von Franz Kaulen, Bd. 10 (Freiburg: Herder, 1897), Sp. 963-967. [https://www.google.de/books/edition/Wetzer_und_Welte_s_Kirchenlexikon_oder_E/2fAXAAAAYAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=inauthor:%22Franz+Kaulen%22&printsec=frontcover Digitalisat]</ref> | : <i>Reimbibeln heißen '''mittelalterliche''' '''Übersetzungen''' der der heiligen Schrift, welche in der dichterischen Kunstform der damaligen Zeit, nämlich '''in kurzen gereimten Verszeilen''' abgefaßt sind. […] Die Reimbibeln sind nämlich eigentliche Übersetzungen des lateinischen Bibeltextes, welche nur in dichterisches Gewand gekleidet sind, sonst aber den Wortlaut ihrer Vorlage möglichst beibehalten.“</i><ref>Zweite Auflage, Hrsg. von Franz Kaulen, Bd. 10 (Freiburg: Herder, 1897), Sp. 963-967. [https://www.google.de/books/edition/Wetzer_und_Welte_s_Kirchenlexikon_oder_E/2fAXAAAAYAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=inauthor:%22Franz+Kaulen%22&printsec=frontcover Digitalisat]</ref> (Hervorhebung durch mich). | ||
"Wetzer und Welte's Kirchenlexikon" von 1897 ist soweit auszumachen das einzige Nachschlagewerk, dass den 'Reimbibeln' ein Stichwort widmet. Der Autor | "Wetzer und Welte's Kirchenlexikon" von 1897 ist soweit auszumachen das einzige Nachschlagewerk, dass den 'Reimbibeln' ein Stichwort widmet. Der Autor, der katholische Theologe Franz Kaulen, bestimmt - als einziger, der soweit mir bekannt, eine Definition versucht hat - die Gattung 'Reimbibel‘ als: | ||
: a) mittelalterliche | : a) mittelalterliche | ||
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: c) In dichterischer Form | : c) In dichterischer Form | ||
'Reimbibeln' seien (nach Kaulen) abzugrenzen von anderen gereimten Bearbeitungen des Bibeltextes, soweit sie sich in ihrem grundlegenden Charakter von einer Übertragung/Übersetzung entfernten: | |||
'Reimbibeln' seien abzugrenzen von anderen gereimten Bearbeitungen des Bibeltextes, soweit sie sich in ihrem grundlegenden Charakter von einer Übertragung/Übersetzung entfernten: | |||
: <i>„Sie haben nichts gemein mit denjenigen dichterischen Gebilden, in welchen die bei den Völkern vorhandene dichterische Schöpfungskraft durch die biblischen Thatsachen neu angeregt und befruchtet wurde, wie mit [https://de.wikipedia.org/wiki/C%C3%A6dmon Cädmons] Dichtungen oder dem altsächsischen Heliand (s. d. Artt.); sie sind auch verschieden von den sog. Moralitates, in welchen der biblische Inhalt zur Erbauung ausgedeutet wurde, wie von Otfrids (s. d. Art.) Evangelienharmonie; vielmehr berühren sie sich mit den sogen. Weltchroniken, in welchen die heilige und die profane Geschichte bloß zu lehrhaften Zwecken in gereimter Bearbeitung dargestellt wurden.“ </i><ref>Zweite Auflage, Hrsg. von Franz Kaulen, Bd. 10 (Freiburg: Herder, 1897), Sp. 963-967. [https://www.google.de/books/edition/Wetzer_und_Welte_s_Kirchenlexikon_oder_E/2fAXAAAAYAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=inauthor:%22Franz+Kaulen%22&printsec=frontcover Digitalisat]</ref> | : <i>„Sie haben nichts gemein mit denjenigen dichterischen Gebilden, in welchen die bei den Völkern vorhandene dichterische Schöpfungskraft durch die biblischen Thatsachen neu angeregt und befruchtet wurde, wie mit [https://de.wikipedia.org/wiki/C%C3%A6dmon Cädmons] Dichtungen oder dem altsächsischen Heliand (s. d. Artt.); sie sind auch verschieden von den sog. Moralitates, in welchen der biblische Inhalt zur Erbauung ausgedeutet wurde, wie von Otfrids (s. d. Art.) Evangelienharmonie; vielmehr berühren sie sich mit den sogen. Weltchroniken, in welchen die heilige und die profane Geschichte bloß zu lehrhaften Zwecken in gereimter Bearbeitung dargestellt wurden.“ </i><ref>Zweite Auflage, Hrsg. von Franz Kaulen, Bd. 10 (Freiburg: Herder, 1897), Sp. 963-967. [https://www.google.de/books/edition/Wetzer_und_Welte_s_Kirchenlexikon_oder_E/2fAXAAAAYAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=inauthor:%22Franz+Kaulen%22&printsec=frontcover Digitalisat]</ref> | ||
Allerdings sei die Anwesenheit legendarischer, apokrypher oder gänzlich außerbiblischer Stoffe | Allerdings sei die Anwesenheit legendarischer, apokrypher oder gänzlich außerbiblischer Stoffe kein Ausschlusskriterium: | ||
: <i>„Eingeflochten sind manche meist legendenhaften Einzelheiten, welche aus biblischen Apokryphen, mitunter auch aus weltlichen Schriften stammen.“</i><ref>Zweite Auflage, Hrsg. von Franz Kaulen, Bd. 10 (Freiburg: Herder, 1897), Sp. 963-967.</ref> | : <i>„Eingeflochten sind manche meist legendenhaften Einzelheiten, welche aus biblischen Apokryphen, mitunter auch aus weltlichen Schriften stammen.“</i><ref>Zweite Auflage, Hrsg. von Franz Kaulen, Bd. 10 (Freiburg: Herder, 1897), Sp. 963-967.</ref> | ||
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: <i>"Eben weil die besprochene Kunstform [der gedichteten Weltchroniken (Anm. d. Verf.)] sehr verbreitet und beliebt war, erschien sie den Geistlichen als ein vorzügliches Mittel, die Kenntniß der heiligen Schrift zu verbreiten und die Lesung der in derselben Form abgefaßten weltlichen Gedichte zu beschränken."</i><ref>Zweite Auflage, Hrsg. von Franz Kaulen, Bd. 10 (Freiburg: Herder, 1897), Sp. 963-967. [https://www.google.de/books/edition/Wetzer_und_Welte_s_Kirchenlexikon_oder_E/2fAXAAAAYAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=inauthor:%22Franz+Kaulen%22&printsec=frontcover Digitalisat]</ref> | : <i>"Eben weil die besprochene Kunstform [der gedichteten Weltchroniken (Anm. d. Verf.)] sehr verbreitet und beliebt war, erschien sie den Geistlichen als ein vorzügliches Mittel, die Kenntniß der heiligen Schrift zu verbreiten und die Lesung der in derselben Form abgefaßten weltlichen Gedichte zu beschränken."</i><ref>Zweite Auflage, Hrsg. von Franz Kaulen, Bd. 10 (Freiburg: Herder, 1897), Sp. 963-967. [https://www.google.de/books/edition/Wetzer_und_Welte_s_Kirchenlexikon_oder_E/2fAXAAAAYAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=inauthor:%22Franz+Kaulen%22&printsec=frontcover Digitalisat]</ref> | ||
' | Der kurze Artikel des Theologen Kaulen in seinem Kirchenlexikon von 1897 hat natürlicherweise keinen Niederschlag in der literaturwissenschaftlichen Forschung gefunden. Dennoch können wir seinen Artikel hier zum Ausgangspunkt nehmen und einen Blick auf das Feld der Bibelbearbeitungen vom frühen Mittelalter bis in unsere Gegenwart werfen. Seine ursprünglich engere Definition ist zudem nicht gänzlich unbrauchbar: Bibel''dichtung'' als Mittel der Bibel<i>übersetzung</i> und damit der Bibel''vermittlung'' ist ein Phänomen, das vor dem Hintergrund der kirchlichen Abwehr volkssprachlicher Übersetzungen bis in die frühe Neuzeit hinein auftrat. Kaulen machte diese Qualifizierung zum Kerninhalt seiner Bestimmung von Reimbibeln, stülpte diesen Begriff letztlich aber fast willkürlich allen möglichen gedichteten Werken über und schloss andere, naheliegende Beispiele aus. | ||
== | ==Bibelbearbeitungen im weitesten Sinne: Bibelepisches Erzählen== | ||
===Bibelepik und bibelepisches Erzählen=== | ===Bibelepik und bibelepisches Erzählen=== | ||
: <i>Hinter Sammelbegriffen wie ‚Bibelepik‘, ‚Bibeldichtung‘ und ‚biblische Legende‘ verbirgt sich ein kaum eindeutig zu definierendes Textcorpus, ein Sammelbecken hybrider Erzählungen zwischen heiligem und kulturellem Text. | : <i>Hinter Sammelbegriffen wie ‚Bibelepik‘, ‚Bibeldichtung‘ und ‚biblische Legende‘ verbirgt sich ein kaum eindeutig zu definierendes Textcorpus, ein Sammelbecken hybrider Erzählungen zwischen heiligem und kulturellem Text. [...] | ||
: | : Bibelepische Texte sind dennoch, selbst wenn sie als Paraphrasen nah am biblischen Grundtext erzählen, weder als bloße Übersetzungen noch als geschöpftes Neues, sondern als Bearbeitungen eines biblischen oder apokryphen Stoffs als Gotteslob und Dienst am Glauben zu verstehen.</i><ref>Susanne Spreckelmeier: <i>Bibelepisches Erzählen vom Transitus Mariae im Mittelalter.</i> (Berlin: De Gruyter, 2019), Einleitung, S. 4, 12</ref> | ||
Dienst am Glauben zu verstehen.</i> | |||
Zu Zeugnissen des "bibelepischen Erzählens" zählen beispielsweise Evangelienharmonien, wie der altsächsische [https://de.wikipedia.org/wiki/Heliand ''Heliand''] (Niederschrift um 830), und exemplarisch [https://de.wikipedia.org/wiki/Otfrid_von_Wei%C3%9Fenburg Otfrid von Weißenburgs'] <i>Evangelienbuch</i> (lat. ''Liber evangeliorum''), vollendet zwischen 863 und 871, das als erstes Werk überhaupt den Endreimvers anstelle des Stabreims in das Althochdeutsche einführte. Es gilt als zugleich als (Bibel)Epos, das Paraphrase mit Kommentar verbindet. | Zu Zeugnissen des "bibelepischen Erzählens" zählen beispielsweise Evangelienharmonien, wie der altsächsische [https://de.wikipedia.org/wiki/Heliand ''Heliand''] (Niederschrift um 830), und exemplarisch [https://de.wikipedia.org/wiki/Otfrid_von_Wei%C3%9Fenburg Otfrid von Weißenburgs'] <i>Evangelienbuch</i> (lat. ''Liber evangeliorum''), vollendet zwischen 863 und 871, das als erstes Werk überhaupt den Endreimvers anstelle des Stabreims in das Althochdeutsche einführte. Es gilt als zugleich als (Bibel)Epos, das Paraphrase mit Kommentar verbindet. | ||
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Weitere Beispiele sind nach Susanne Spreckelmeier die "Genesis und Exodus nach der [https://de.wikipedia.org/wiki/Millst%C3%A4tter_Handschrift | Weitere Beispiele sind nach Susanne Spreckelmeier die "Genesis und Exodus nach der [https://de.wikipedia.org/wiki/Millst%C3%A4tter_Handschrift Millstätter Handschrift]" (ed. Joseph Diemer (Wien: Carl Gerold’s Sohn, 1862 (Bd. 1 und 2))<ref>https://books.google.de/books?id=gTwyAQAAMAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false</ref>, die Kaulen als frühestes Beispiel einer 'Reimbibel' anführt. Die Handschrift, dessen ältester Textbestand aus dem österreichischem Raum vom Ende des 11. Jahrhunderts stammt, beinhaltet u.a. eine gereimte freie dichterische Übertragungen des 1. Buch Mose (<i>Altdeutsche Genesis</i>) und des 2. Buches Mose, Kapitel 1-15 (<i>Altdeutsches Exodus</i>). Der Verfasser hat den Text an einigen Stellen gekürzt (es fehlen einige Kapitel, bzw. Versabschnitte), an anderen wiederum mit apokryphen, legendarischen oder sonstigen kommentierenden Inhalten ergänzt. Als Beispiel sei Gottes Ansprache an den Erzengel Michael genannt, der den Auftrag erhält Luzifer (einen gefallenen Engel / den Teufel) und seine Anhänger aus dem Himmel in die Hölle zu werfen: | ||
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<B>Altdeutsche Genesis (11. Jhd.)</b><ref>Die altdeutsche Genesis: Nach der Wiener Handschrift. Hrsg. von Victor Dollmayr, Halle(Salle): Max Niemeyer Verlag, 1932, S. 2-3 (Zeile 55-66).</ref> | |||
<i>Got der sprach do, | |||
: Eineme sineme holden zu | |||
„ich will dir sagen, Michahel, | |||
: wie min holde Lucifer | |||
hat erhaben sich wider mir. | |||
: geboten sî dir | |||
daz er uil sciere si uerstozzen | |||
: mit allen sinen gnozzen | |||
uone himile in die helle | |||
: mit alle die ime gehengen | |||
unde die der ioch zu geswigen. | |||
: sich daz ir geheiner hie belibe.“</i> | |||
| width="10%"; valign="top" | | |||
<b>Karl Hessel (1910)</b><ref>Zitiert aus: Frühmittelhochdeutsche Literatur. Auswahl, Übersetzung und Kommentar von Gisela Vollmann-Profe. Stuttgart 1996. [https://is.muni.cz/el/1421/podzim2016/NJII_22/um/Altdeutsche_Genesis_-_Handout.pdf Digitalisat]</ref> | |||
<i>Da sprach Gott | |||
: Zu einem seiner Vasallen: | |||
„Ich will dir sagen, Michael, | |||
: dass sich mein Vasall Luzifer | |||
gegen mich erhoben hat! | |||
: Dein Auftrag ist es, | |||
ihn auf der Stelle | |||
: mit all seinen Gefährten | |||
vom Himmel hinab zu stoßen in die Hölle | |||
: und alle, die zu ihm halten | |||
und ebenso die, die zu seinem Tun schweigen. | |||
: Sieh zu, dass keiner von ihnen hier zurückbleibt!“</i> | |||
| width="5%"; valign="top" | | |||
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===Historienbibel und Weltchroniken, Petrus Comestors <i>Historia Scholastica</i>=== | ===Historienbibel und Weltchroniken, Petrus Comestors <i>Historia Scholastica</i>=== | ||
Kaulens Abgrenzung der Reimbibeln von den Weltchroniken, die ebenfalls gereimte Übersetzungen der Bibel enthalten würden, diese aber mit anderen Stoffe zusammenbrächten, so dass letztere "die heilige Geschichte nach ganz freier Auffassung, ohne Rücksicht auf eine bestehende Form" darstellten,<ref>Zweite Auflage, Hrsg. von Franz Kaulen, Bd. 10 (Freiburg: Herder, 1897), Sp. 963-967.</ref> zog eine Grenze. | |||
Richtigerweise sah er die durch ihre Wirkung einflussreiche ''[[wikipedia:Historia_scholastica|'''Historia scholastica''']]'' des [https://de.wikipedia.org/wiki/Petrus_Comestor Petrus Comestor] (ca. 1100-1178) nicht als Vorgängerin der 'Reimbibeln' an, da sie eine Welt- und Heilsgeschichte auf Grundlage biblischer und anderer Texte präsentiert und kommentiert: | |||
: <i>„Gewöhnlich nimmt man an, den Reimbibel läge die Historia scholastica des Petrus Comestor zu Grunde; doch darf dies bezweifelt werden, weil hie und da eine Verschiedenheit hervortritt […] und so die Bibel als directe Vorlage erscheinen läßt […].“</i><ref>Zweite Auflage, Hrsg. von Franz Kaulen, Bd. 10 (Freiburg: Herder, 1897), Sp. 963-967.</ref> | : <i>„Gewöhnlich nimmt man an, den Reimbibel läge die Historia scholastica des Petrus Comestor zu Grunde; doch darf dies bezweifelt werden, weil hie und da eine Verschiedenheit hervortritt […] und so die Bibel als directe Vorlage erscheinen läßt […].“</i><ref>Zweite Auflage, Hrsg. von Franz Kaulen, Bd. 10 (Freiburg: Herder, 1897), Sp. 963-967.</ref> | ||
Womöglich durch mangelnde Kenntnis hat er sich dann aber im Falle von [https://de.wikipedia.org/wiki/Jacob_van_Maerlant Jakob van Maerlants] um 1300 verfassten '''[https://nl.wikipedia.org/wiki/Rijmbijbel „Rijmbibel“]''' täuschen lassen. Deren gebräuchlicher (irreführender) Name stammt aus dem Spätmittelalter. Van Maerlant betitelte sein Werk selbst dagegen <i>„Scolastica in dietschen,“</i> und gibt es so als niederländische Bearbeitung eben jener [https://en.wikipedia.org/wiki/Historia_scholastica <i>Historia Scholastica</i>] des Petrus Comestor zu erkennen.<ref> https://nl.wikipedia.org/wiki/Rijmbijbel</ref> | |||
Keine „Reimbibel“ ist ebenfalls die sogenannte '''„Meininger Reimbibel“''', gleichfalls eine fragmentarisch überlieferte Historienbibel, deren Handschrift in der ehemaligen Meininger Herzöglichen öffentlichen Bibliothek aufbewahrt wurde (heute größtenteils verschollen).<ref>https://handschriftencensus.de/werke/608</ref> Sie stammte aus dem Thüringischen Raum (vermutlich der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts). Auch ihre Hauptquelle ist Petrus Comestor<ref>Vgl. Hans Vollmer, Niederdeutsche Historienbibeln und andere Bibelbearbeitungen (Materialien zur Bibelgeschichte und religiösen Volkskunde des Mittelalters I,2), Berlin 1916, S. 27-29, 107-119: https://doi.org/10.11588/diglit.2077#0123.</ref> und sie steht damit in derselben Tradition wie [https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_von_Ems Rudolf von (Hohen)Ems (+ 1254?)] Weltchronik, bzw. die sogenannte „[https://www.uni-trier.de/fileadmin/forschung/maw/MWB/Plate/Christherre-Chronik_Teilausgabe_1998.pdf Christherre-Chronik]“. | |||
==='Reimbibel' als "Verlegenheitsetikett"=== | ==='Reimbibel' als "Verlegenheitsetikett"=== | ||
Die teils fließenden Übergänge werden auch im Fall der <b>'Mittelfränkischen Reimbibel'</b> (oder: „Mittelfränkisches Legendar“ oder „Rheinländische Reimbibel“) deutlich. Verfasst vermutlich in Westfalen (oder Köln) zur Mitte des 12. Jahrhundert wurde sie von David A. Wells als „gereimte Homilie“ („verse homiliary“) bezeichnet (2004): „Eine Anordnung versifizierter ‚homiletic narratives‘, die dann schon aufgrund ihres umfänglichen thematischen Ausgreifens auf außerbiblische Stoffe nicht überzeugen als ‚Reimbibel‘ angesprochen werden kann.“<ref>https://www.google.de/books/edition/Bibelepisches_Erz%C3%A4hlen_vom_Transitus_Ma/pT3EDwAAQBAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Mittelfr%C3%A4nkische+Reimbibel&pg=PA298&printsec=frontcover, S. 299. Siehe: https://handschriftencensus.de/4846</ref> Zwar stimmt Ernst Hellgard in seiner Rezension (2011) damit überein, dass 'Reimbibel' ein "Verlegenheitsetikett" sei - wenn auch ein "schwer revidierbare Name"<ref>Ernst Hellgardt: "Fast ein Handbuch zur frühmittelhochdeutschen Literatur" (siehe hier: https://www.iaslonline.lmu.de/index.php?vorgang_id=2992)</ref> -, widerspricht aber Wells Bezeichnung einer "Sammlung von Verspredigten", ohne allerdings eine alternative Beschreibung/Betitelung zu finden. | |||
Die teils fließenden Übergänge werden auch im Fall der <b>'Mittelfränkischen Reimbibel'</b> (oder: „Mittelfränkisches Legendar“ oder „Rheinländische Reimbibel“) deutlich. Verfasst vermutlich in Westfalen (oder Köln) zur Mitte des 12. Jahrhundert | |||
=Mittelalterliche Bibeldichtung im engeren Sinne= | |||
== | Es gibt einige wenige mittelalterliche Beispiele, auf die die engere Definition einer 'Reimbibel' oder eines 'Reimbibelwerkes' als versifizierter Bibelübersetzung - weitgehend ohne Zusätze - dennoch zutreffend zu sein scheint. | ||
(von Wilhelm Gemoll, in: Germania: Vierteljahrsschrift für deutsche Altertumskunde 19 (1874), S. 339-343) | ==Bruchstücke einer gereimten Bibelübersetzung (Mitteldeutschland, 13. Jahrhundert)== | ||
https://www.google.de/books/edition/Germania_Wien/E8BgAAAAcAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Bruchst%C3%BCcke+einer+gereimten+Bibel%C3%BCbersetzung+Gemoll&pg=PA339&printsec=frontcover | Wilhelm Gemoll veröffentlichte zwei Fragmente einer in mittelhochdeutsch im 13. Jahrhundert (Raum: Mitteldeutschland) verfassten gereimten Bibelübersetzung. Erhalten sind das Ende von 2. Samuel, der Anfang von 1. Könige und ein Stück aus dem Buch Judith. "Viel treuer als die Weltchroniken thun gibt diese Dichtung die betreffenden Stücke wieder, so dass man sie eher als eine gereimte Übersetzung der Bibel denn als eine Weltchronik wird bezeichnen dürfen."<ref>Wilhelm Gemoll: "Bruchstücke einer Gereimten Bibelübersetzung", in: <i>Germania: Vierteljahrsschrift für deutsche Altertumskunde</i> 19 (1874), S. 339-343) [https://www.google.de/books/edition/Germania_Wien/E8BgAAAAcAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Bruchst%C3%BCcke+einer+gereimten+Bibel%C3%BCbersetzung+Gemoll&pg=PA339&printsec=frontcover Digitalisat]</ref> | ||
Aus 1. Könige 1:1-2 (Vergleich mit Luther (2017)) | |||
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: Als aber der König David alt war</br> | |||
: und hochbetagt, </br> | |||
: konnte er nicht warm werden, </br> | |||
: wenn man ihn auch mit Kleidern bedeckte. </br> | |||
: Da sprachen </br> | |||
: seine Großen zu ihm: </br> | |||
: Man </br> | |||
: suche unserm Herrn, dem König, </br> | |||
: eine Jungfrau, die </br> | |||
: vor dem König stehe und ihn umsorge und </br> | |||
: in seinen Armen schlafe und unsern Herrn, </br> | |||
: den König, wärme. | |||
|} | |} | ||
</div> | </div> | ||
<div style="clear:left;"></div> | <div style="clear:left;"></div> | ||
== | ==St. Pauler Evangelienreimwerk (Kärnten, Mitte 14. Jahrhundert)== | ||
Das in Mittelhochdeutsch verfasste Werk ist auf 110 Blatt einer einzigen, in der Stiftsbibliothek von St. Paul im Lavanthal (Kärnten), womöglich als Abschrift des Original erhaltenen Handschrift enthalten (Datierung: Mitte 14. Jahrhundert).<ref>https://handschriftencensus.de/17029</ref>. Der unbekannte Verfasser/Übersetzer (vermutlich ein einfacher Priester) hat die vier Evangelien (beginnend mit Matthäus 17,4; der Anfang ist verloren) nah am Text der Vulgata bleibend übersetzt und versifiziert. Zur Herstellung seiener Reime hat er nur sachlich unbedeutende Ergänzungen, bzw. „Flickwörter“ aus verschiedenen Mundarten verwendet, wenige weggelassen oder ergänzt. Literatur: Ein erste ausführliche (erste) Beschreibung von Anton Schönbach; <ref>„Mittheilungen aus altdeutschen Handschriften VI: Ueber ein mitteldeutsches Evangelienwerk aus St. Paul“, in: Sitzungsberichte der phil.-hist. Classe der kaiserl. Akademie der Wissenschaften 137 (Wien: 1898), hier: https://archive.org/details/sitzungsbericht244klasgoog/page/n240/mode/2up?view=theater</ref> Eine vollständige Edition von Johannes Fournier<ref>"Das St. Pauler Evangelienreimwerk." Bd. 1: Text, Bd. 2: Untersuchungen (Vestigia Bibliae 19/20), Bern u.a. 1998.</ref> | Das in Mittelhochdeutsch verfasste Werk ist auf 110 Blatt einer einzigen, in der Stiftsbibliothek von St. Paul im Lavanthal (Kärnten), womöglich als Abschrift des Original erhaltenen Handschrift enthalten (Datierung: Mitte 14. Jahrhundert).<ref>https://handschriftencensus.de/17029</ref>. Der unbekannte Verfasser/Übersetzer (vermutlich ein einfacher Priester) hat die vier Evangelien (beginnend mit Matthäus 17,4; der Anfang ist verloren) nah am Text der Vulgata bleibend übersetzt und versifiziert. Zur Herstellung seiener Reime hat er nur sachlich unbedeutende Ergänzungen, bzw. „Flickwörter“ aus verschiedenen Mundarten verwendet, wenige weggelassen oder ergänzt. Literatur: Ein erste ausführliche (erste) Beschreibung von Anton Schönbach; <ref>„Mittheilungen aus altdeutschen Handschriften VI: Ueber ein mitteldeutsches Evangelienwerk aus St. Paul“, in: Sitzungsberichte der phil.-hist. Classe der kaiserl. Akademie der Wissenschaften 137 (Wien: 1898), hier: https://archive.org/details/sitzungsbericht244klasgoog/page/n240/mode/2up?view=theater</ref> Eine vollständige Edition von Johannes Fournier<ref>"Das St. Pauler Evangelienreimwerk." Bd. 1: Text, Bd. 2: Untersuchungen (Vestigia Bibliae 19/20), Bern u.a. 1998.</ref> | ||
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: Ihesus sprach: 'gang, wirb auch alsam.'</i> | : Ihesus sprach: 'gang, wirb auch alsam.'</i> | ||
==Surtees Psalter== | ==Surtees Psalter (England, zweite Hälfte 13. Jahrhundert)== | ||
Aus dem Angelsächsischen Raum sei hier der Surtees Psalter abschließend noch genannt. Er stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und ist auf Mittelenglisch überliefert.<ref>[https://archive.org/details/SurteesPsalterReprint/mode/2up Digitalisat auf archive.org]</ref> | Aus dem Angelsächsischen Raum sei hier der Surtees Psalter abschließend noch genannt. Er stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und ist auf Mittelenglisch überliefert.<ref>[https://archive.org/details/SurteesPsalterReprint/mode/2up Digitalisat auf archive.org]</ref> | ||
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=Frühmoderne 'Reimbibeln'?= | =Frühmoderne 'Reimbibeln'?= | ||
Die Frage, ob es nach dem Mittelalter - besonders in der Zeit der | Die Frage, ob es nach dem Mittelalter - besonders in der Zeit der Reformation - Werke gegeben hat, die man als 'Reimbibeln' bezeichnen könnte hängt davon ab, wie man diese definieren wolle. Klar scheint zu sein, dass die Entstehungsbedingungen und Motivationen für solche Werke andere sind, wenn man voraussetzen kann, dass durch den Buchdruck und die hohe Verbreitung volkssprachlicher Übersetzung der Bibel das Element der Übersetzung aus dem Lateinischen (oder einer anderen alten Sprache) praktisch nicht mehr ausschlaggebend ist. | ||
Tatsächlich | |||
Die reformatorische Bewegung stand außerdem zudem für eine inhaltliche "Reinheit" des Inhalts, insofern Mischwerke, die legendarische oder außerbiblische Inhalte mit der Heiligen Schrift verbanden auch kaum zu erwarten sind. Übrig bleibt eine erbauliche, bzw. erzieherische Motivation der Autoren, dass durch gereimte/versifizierte Übertragungen die biblischen Texte der (einfachen) Bevölkerung auf erleichterte Weise nahegebracht werden sollte. | |||
Tatsächlich hat die Reformation ihre Anhänger zu verschiedensten, auch poetischen Werken inspiriert, zu denen auch vorlagennahe oder sogar vorlagentreue lyrische Bearbeitungen biblischer Texte zählen.. | |||
==Reimen mit und nach Luther== | ==Reimen mit und nach Luther: Bibeldichtung im 16. Jahrhundert== | ||
=== | ===Psalmlieder: Martin Luther, Ambrosius Lobwasser Übersetzung des ‚Genfer Psalters‘=== | ||
Verreimungen der Psalmen in der Volkssprache waren bereits im Mittelalter populär (s.o. Surtees Psalter). Ab der Reformation bekamen solche Übertragungen/Übersetzungen eine hervorgehobene Bedeutung für den Gemeindegesang im Gottesdienst. Das „Achtliederbuch“ („Etlich Cristlich lider / Lobgesang und Psalm“ (Wittenberg (eigentl. Nürnberg), 1524) enthält mit „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ (nach Psalm 12), „Es spricht der Unweisen Mund wohl“ (nach Psalm 14) und „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (nach Psalm 130) drei Psalmenlieder Martin Luthers. | Verreimungen der Psalmen in der Volkssprache waren bereits im Mittelalter populär (s.o. Surtees Psalter). Ab der Reformation bekamen solche Übertragungen/Übersetzungen eine hervorgehobene Bedeutung für den Gemeindegesang im Gottesdienst. Martin Luther selbst schuf einige Lieder, mit denen er seine Rechtfertigungslehre verbreiten und auf die Lieder der Täufer und die Hymnen Thomas Müntzers reagieren wollte.<ref>Inka Bach und Helmut Galle: | ||
"Deutsche Psalmendichtung vom 16. bis zum 20. Jahrhundert." (Berlin/New York: De Gruyter, 1989), S. 89.</ref> Das „Achtliederbuch“ („Etlich Cristlich lider / Lobgesang und Psalm“ (Wittenberg (eigentl. Nürnberg), 1524) enthält mit „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ (nach Psalm 12), „Es spricht der Unweisen Mund wohl“ (nach Psalm 14) und „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (nach Psalm 130) drei Psalmenlieder Martin Luthers. | |||
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Der <i>Genfer Psalter</i> (franz. <i>Psautier de Genève</i>) mit seiner lyrischen Übersetzung der Psalmen durch Clément Marot (1496–1544) wurde als | Der <i>Genfer Psalter</i> (franz. <i>Psautier de Genève</i>) mit seiner lyrischen Übersetzung der Psalmen durch Clément Marot (1496–1544) wurde als exklusives gottesdienstliches Gesangbuch der reformierten Tradition durch Johannes Calvin eingeführt. Nach Calvins Vorstellungen eigenen sich lediglich Gottes eigene Worte zu seiner Anbetung geeignet (eine Vorstellung die mit der "vollkommenen Verlorenheit" des Menschen und seiner Unfähigkeit Gott und das Evangelium von sich aus zu erkennen einhergeht). Entsprechend lehnt der von ihm geprägte reformierte Gottesdienst sich an den Tempelgottesdienst unter Verwendung der Psalmen an. Im Gegensatz zu Luthers Dichtungen und solchen anderer lutherischer Dichter und Bearbeiter, musste sich besonders streng an den biblischen Text gehalten werden, der weder verkürzt noch erweitert werden durfte. In einer deutschen Übersetzung durch Ambrosius Lobwasser (erschienen 1573 als <i>"Der Psalter des königlichen Propheten David"</i>) kam er auch im Deutschen Sprachraum in Gebrauch. | ||
<b>Psalm 130</b> | <b>Psalm 130 (Lobwasser)</b> | ||
: „1. Zu dir von hertzen grunde | : „1. Zu dir von hertzen grunde | ||
: Ruff ich aus tieffer not / | : Ruff ich aus tieffer not / | ||
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: Der für dir Herr bestünd? […]“<ref> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10205811?page=949</ref> | : Der für dir Herr bestünd? […]“<ref> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10205811?page=949</ref> | ||
===Joachim Greff und das sächsische Reformationsdrama=== | ===Dramen: Joachim Greff und das sächsische Reformationsdrama=== | ||
Ein | Ein anderes Mittel stellten Dramatisierungen biblischer Stoffe dar, die im Stil der Zeit aus gereimten Mono- und Dialogen bestanden. | ||
Joachim Greff (1510-1552) dichtete verschiedene biblische Stoffe für Theateraufführungen um. Es entstanden die Dramen Jacob (1534), Susanna (1535), Judith (1536), Abraham (1540), Osterspiel (1542), Auferweckung des Lazarus (1545) und Zachäus (1546). | Joachim Greff (1510-1552) dichtete verschiedene biblische Stoffe für Theateraufführungen um. Es entstanden die Dramen Jacob (1534), Susanna (1535), Judith (1536), Abraham (1540), Osterspiel (1542), Auferweckung des Lazarus (1545) und Zachäus (1546). | ||
Gegen Kritik anhaltischer Theologen wurden seine Stücke 1543 u.a. von Martin Luther und Philipp Melanchthon verteidigt. | Gegen Kritik anhaltischer Theologen wurden seine Stücke 1543 u.a. von Martin Luther und Philipp Melanchthon verteidigt. | ||
=== | ===Evangelien- und Passionsharmonien=== | ||
Auch in der Zeit der Reformation waren Zusammenstellungen der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu aus den vier Evangelien weiterhin als Genre existent, wenn sie auch im reformatorischen Sinne von aprokryphen und nicht-biblischen legendarischen Elementen bereinigt wurden. | Auch in der Zeit der Reformation waren Zusammenstellungen der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu aus den vier Evangelien weiterhin als Genre existent, wenn sie auch im reformatorischen Sinne von aprokryphen und nicht-biblischen legendarischen Elementen bereinigt wurden. | ||
1538 erschien zu Wittenberg „Das Leiden vnd Aufferstehung unsers Herrn Jhesu Christi aus den vier Evangelisten durch D. Johan Bugenhagen Pomern vleissig zusamen gebracht vnd nachmals durch Joachimum Greff von Zwickau jnn Deudsch Reim verfasset“ - eine erbauliche Evangelienharmonie. | 1538 erschien zu Wittenberg „Das Leiden vnd Aufferstehung unsers Herrn Jhesu Christi aus den vier Evangelisten durch D. Johan Bugenhagen Pomern vleissig zusamen gebracht vnd nachmals durch Joachimum Greff von Zwickau jnn Deudsch Reim verfasset“ - eine erbauliche Evangelienharmonie. | ||
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Gewissermaßen im Gefolge der mittelalterlichen Armenbibeln steht der Figurenband von Jost Amman (1539-1591) mit Text von Heinrich Peter Rebenstock (1541-1595): „Neuwe Biblische Figuren: Künstlich vnd artig gerissen, durch den sinn vnd kunstreichen auch weitberühmte[n] Jost Amman, von Zürych, mit schönen Teutschen Reimen, welche den gantzen in[n]halt einer jeden Figur vnd Capitel kurtz begreiffen, zuvor dergleichen nie im Druck außgangen — Frankfurt a.M., 1571“ | Gewissermaßen im Gefolge der mittelalterlichen Armenbibeln steht der Figurenband von Jost Amman (1539-1591) mit Text von Heinrich Peter Rebenstock (1541-1595): „Neuwe Biblische Figuren: Künstlich vnd artig gerissen, durch den sinn vnd kunstreichen auch weitberühmte[n] Jost Amman, von Zürych, mit schönen Teutschen Reimen, welche den gantzen in[n]halt einer jeden Figur vnd Capitel kurtz begreiffen, zuvor dergleichen nie im Druck außgangen — Frankfurt a.M., 1571“ | ||
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/rebenstock1571/0024/image,info | https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/rebenstock1571/0024/image,info | ||
===Gereimte Summarien und Perikopenepigramme=== | ===Gereimte Summarien und Perikopenepigramme=== | ||
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===Johann Steuerleins "Biblia" (1611)=== | ===Johann Steuerleins "Biblia" (1611)=== | ||
Ein anderer | Ein anderer Kandidat ist die "Biblia" von Johann Steuerlein. In seinem Vorwort nennt er namentlich die Werke Helmbolds und Mergilets als Ausgangspunkte. Insbesondere Mergilets Vierzeiler, die in der Regel einen einzigen inhaltlich Schwerpunkt setzen und damit ein kohärenteres Bild abgeben, entsprechen Steuerleins eigenem Anspruch – im Gegensatz zu den eher unattraktiven, enigmatisch zusammengekürzten Zeilen von Waldis, Helmbold, Paludanus und Lobwasser. | ||
Steuerlein ist, neben mehreren vollständig gereimten Büchern (Psalter, Sprüche, Jesus Syrach, Tobit, u.a.), auch in vielen anderen Büchern gerade mit erzählerischem Inhalt jedoch weit über Mergilets summarische Vierzeiler hinausgegangen. Durch die explizite Nähe zur Lutherübersetzung, der sein Text an vielen Stellen folgt, ähnelt das Werk inhaltlich und formal mehr dem St. Pauler Reimwerk. | Steuerlein ist, neben mehreren vollständig gereimten Büchern (Psalter, Sprüche, Jesus Syrach, Tobit, u.a.), auch in vielen anderen Büchern gerade mit erzählerischem Inhalt jedoch weit über Mergilets summarische Vierzeiler hinausgegangen. Durch die explizite Nähe zur Lutherübersetzung, der sein Text an vielen Stellen folgt, ähnelt das Werk inhaltlich und formal mehr dem St. Pauler Reimwerk. | ||
Falls also jemand so etwas wie eine ‚frühmoderne Reimbibel‘ verfasst haben sollte, dann scheint Johann Steuerleins "Biblia" am nächsten an dem, was man sich darunter vorzustellen hatte, dran zu sein. | Falls also jemand so etwas wie eine ‚frühmoderne Reimbibel‘ verfasst haben sollte, dann scheint Johann Steuerleins "Biblia" am nächsten an dem, was man sich darunter vorzustellen hatte, dran zu sein. | ||
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Zum Abschluss seien – unter Übergehung mehrere Jahrhunderte - hier noch ein paar Werke aus der jüngeren Zeit vorgestellt, die zum Teil selbst die Bezeichnung „Reim(e)bibel“ führen, auch wenn sie formell alle eigentlich im weitesten Sinne als ‚Erbauungsliteratur‘ einzuschätzen sind. | Zum Abschluss seien – unter Übergehung mehrere Jahrhunderte - hier noch ein paar Werke aus der jüngeren Zeit vorgestellt, die zum Teil selbst die Bezeichnung „Reim(e)bibel“ führen, auch wenn sie formell alle eigentlich im weitesten Sinne als ‚Erbauungsliteratur‘ einzuschätzen sind. | ||
Fünf Jahrhunderte nach der | Fünf Jahrhunderte nach der Reformation, während der Bibeltext inzwischen etliche Male ins Deutsche übersetzt wurde, hat sich in Zeiten von Kirchen- und Christentumskritik, Kirchenferne und Traditionsabbruch die Zielsetzung gewandelt. Die lyrische Form ist ein Experimentierfeld um das wesentliche der Texte herauszukitzeln gegenüber einer Leserschaft, für die die traditionellen Sprache nicht mehr verständlich ist, bzw die ihrer überdrüssig geworden ist. Sie dient aber auch der Aktualisierung und der Textauslegung, wozu der Einsatz von Verfremdungstechniken (Anachronismen) dabei gelegentlich nicht gescheut wird. | ||
==Lothar Steiger: „Himmelpforten - Reimpostille auf alle Sonn- und Feiertage“ (2003)== | ==Lothar Steiger: „Himmelpforten - Reimpostille auf alle Sonn- und Feiertage“ (2003)== | ||