Geschichte der Reimbibeln: Unterschied zwischen den Versionen

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Weitere Beispiele sind nach Susanne Spreckelmeier die "Genesis und Exodus nach der [https://de.wikipedia.org/wiki/Millst%C3%A4tter_Handschrift Milstäter Handschrift]" (ed. Joseph Diemer (Wien: Carl Gerold’s Sohn, 1862 (Bd. 1 und 2))<ref>https://books.google.de/books?id=gTwyAQAAMAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false</ref>, die Kaulen als frühestes Beispiel einer 'Reimbibel' anführt. Die Handschrift, dessen ältester Textbestand aus dem österreichischem Raum vom Ende des 11. Jahrhunderts stammt, beinhaltet u.a. eine gereimte freie dichterische Übertragungen des 1. Buch Mose (<i>Altdeutsche Genesis</i>) und des 2. Buches Mose, Kapitel 1-15 (<i>Altdeutsches Exodus</i>). Der Verfasser hat den Text an einigen Stellen gekürzt (es fehlen einige Kapitel, bzw. Versabschnitte), an anderen wiederum ergänzt (siehe Beispiel unten).
Weitere Beispiele sind nach Susanne Spreckelmeier die "Genesis und Exodus nach der [https://de.wikipedia.org/wiki/Millst%C3%A4tter_Handschrift Millstätter Handschrift]" (ed. Joseph Diemer (Wien: Carl Gerold’s Sohn, 1862 (Bd. 1 und 2))<ref>https://books.google.de/books?id=gTwyAQAAMAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false</ref>, die Kaulen als frühestes Beispiel einer 'Reimbibel' anführt. Die Handschrift, dessen ältester Textbestand aus dem österreichischem Raum vom Ende des 11. Jahrhunderts stammt, beinhaltet u.a. eine gereimte freie dichterische Übertragungen des 1. Buch Mose (<i>Altdeutsche Genesis</i>) und des 2. Buches Mose, Kapitel 1-15 (<i>Altdeutsches Exodus</i>). Der Verfasser hat den Text an einigen Stellen gekürzt (es fehlen einige Kapitel, bzw. Versabschnitte), an anderen wiederum mit apokryphen, legendarischen oder sonstigen kommentierenden Inhalten ergänzt. Als Beispiel sei Gottes Ansprache an den Erzengel Michael genannt, der den Auftrag erhält Luzifer (einen gefallenen Engel / den Teufel) und seine Anhänger aus dem Himmel in die Hölle zu werfen:
 
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<B>Altdeutsche Genesis (11. Jhd.)</b><ref>Die altdeutsche Genesis: Nach der Wiener Handschrift. Hrsg. von Victor Dollmayr, Halle(Salle): Max Niemeyer Verlag, 1932, S. 2-3 (Zeile 55-66).</ref>
 
<i>Got der sprach do,
: Eineme sineme holden zu
„ich will dir sagen, Michahel,
: wie min holde Lucifer
hat erhaben sich wider mir.
: geboten sî dir
daz er uil sciere si uerstozzen
: mit allen sinen gnozzen
uone himile in die helle
: mit alle die ime gehengen
unde die der ioch zu geswigen.
: sich daz ir geheiner hie belibe.“</i>
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<b>Karl Hessel (1910)</b><ref>Zitiert aus: Frühmittelhochdeutsche Literatur. Auswahl, Übersetzung und Kommentar von Gisela Vollmann-Profe. Stuttgart 1996. [https://is.muni.cz/el/1421/podzim2016/NJII_22/um/Altdeutsche_Genesis_-_Handout.pdf Digitalisat]</ref>
 
<i>Da sprach Gott
: Zu einem seiner Vasallen:
„Ich will dir sagen, Michael,
: dass sich mein Vasall Luzifer
gegen mich erhoben hat!
: Dein Auftrag ist es,
ihn auf der Stelle
: mit all seinen Gefährten
vom Himmel hinab zu stoßen in die Hölle
: und alle, die zu ihm halten
und ebenso die, die zu seinem Tun schweigen.
: Sieh zu, dass keiner von ihnen hier zurückbleibt!“</i>
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===Historienbibel und Weltchroniken, Petrus Comestors <i>Historia Scholastica</i>===
===Historienbibel und Weltchroniken, Petrus Comestors <i>Historia Scholastica</i>===
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Die teils fließenden Übergänge werden auch im Fall der <b>'Mittelfränkischen Reimbibel'</b> (oder: „Mittelfränkisches Legendar“ oder „Rheinländische Reimbibel“) deutlich. Verfasst vermutlich in Westfalen (oder Köln) zur Mitte des 12. Jahrhundert wurde sie von David A. Wells als „gereimte Homilie“ („verse homiliary“) bezeichnet (2004): „Eine Anordnung versifizierter ‚homiletic narratives‘, die dann schon aufgrund ihres umfänglichen thematischen Ausgreifens auf außerbiblische Stoffe nicht überzeugen als ‚Reimbibel‘ angesprochen werden kann.“<ref>https://www.google.de/books/edition/Bibelepisches_Erz%C3%A4hlen_vom_Transitus_Ma/pT3EDwAAQBAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Mittelfr%C3%A4nkische+Reimbibel&pg=PA298&printsec=frontcover, S. 299. Siehe: https://handschriftencensus.de/4846</ref> Zwar stimmt Ernst Hellgard in seiner Rezension (2011) damit überein, dass 'Reimbibel' ein "Verlegenheitsetikett" sei - wenn auch ein "schwer revidierbare Name"<ref>Ernst Hellgardt: "Fast ein Handbuch zur frühmittelhochdeutschen Literatur" (siehe hier: https://www.iaslonline.lmu.de/index.php?vorgang_id=2992)</ref> -, widerspricht aber Wells Bezeichnung einer "Sammlung von Verspredigten", ohne allerdings eine alternative Beschreibung/Betitelung zu finden.
Die teils fließenden Übergänge werden auch im Fall der <b>'Mittelfränkischen Reimbibel'</b> (oder: „Mittelfränkisches Legendar“ oder „Rheinländische Reimbibel“) deutlich. Verfasst vermutlich in Westfalen (oder Köln) zur Mitte des 12. Jahrhundert wurde sie von David A. Wells als „gereimte Homilie“ („verse homiliary“) bezeichnet (2004): „Eine Anordnung versifizierter ‚homiletic narratives‘, die dann schon aufgrund ihres umfänglichen thematischen Ausgreifens auf außerbiblische Stoffe nicht überzeugen als ‚Reimbibel‘ angesprochen werden kann.“<ref>https://www.google.de/books/edition/Bibelepisches_Erz%C3%A4hlen_vom_Transitus_Ma/pT3EDwAAQBAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Mittelfr%C3%A4nkische+Reimbibel&pg=PA298&printsec=frontcover, S. 299. Siehe: https://handschriftencensus.de/4846</ref> Zwar stimmt Ernst Hellgard in seiner Rezension (2011) damit überein, dass 'Reimbibel' ein "Verlegenheitsetikett" sei - wenn auch ein "schwer revidierbare Name"<ref>Ernst Hellgardt: "Fast ein Handbuch zur frühmittelhochdeutschen Literatur" (siehe hier: https://www.iaslonline.lmu.de/index.php?vorgang_id=2992)</ref> -, widerspricht aber Wells Bezeichnung einer "Sammlung von Verspredigten", ohne allerdings eine alternative Beschreibung/Betitelung zu finden.


=Mittelalterliche 'Reimbibeln' (im engeren Sinne)?=
=Mittelalterliche Bibeldichtung im engeren Sinne=
 
Es gibt einige wenige Beispiele, auf die die engere Definition einer 'Reimbibel' oder eines 'Reimbibelwerkes' als versifizierter Bibelübersetzung - weitgehend ohne Zusätze - zutreffend zu sein scheint.


Es gibt einige wenige mittelalterliche Beispiele, auf die die engere Definition einer 'Reimbibel' oder eines 'Reimbibelwerkes' als versifizierter Bibelübersetzung - weitgehend ohne Zusätze - dennoch zutreffend zu sein scheint.
==Bruchstücke einer gereimten Bibelübersetzung (Mitteldeutschland, 13. Jahrhundert)==
==Bruchstücke einer gereimten Bibelübersetzung (Mitteldeutschland, 13. Jahrhundert)==
Wilhelm Gemoll veröffentlichte zwei Fragmente einer in mittelhochdeutsch im 13. Jahrhundert (Raum: Mitteldeutschland) verfassten gereimten Bibelübersetzung. Erhalten sind das Ende von 2. Samuel, der Anfang von 1. Könige und ein Stück aus dem Buch Judith. "Viel treuer als die Weltchroniken thun gibt diese Dichtung die betreffenden Stücke wieder, so daß man sie eher als eine gereimte Übersetzung der Bibel denn als eine Weltchronik wird bezeichnen dürfen."<ref>Wilhelm Gemoll: "Bruchstücke einer Gereimten Bibelübersetzung", in: <i>Germania: Vierteljahrsschrift für deutsche Altertumskunde</i> 19 (1874), S. 339-343) [https://www.google.de/books/edition/Germania_Wien/E8BgAAAAcAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Bruchst%C3%BCcke+einer+gereimten+Bibel%C3%BCbersetzung+Gemoll&pg=PA339&printsec=frontcover Digitalisat]</ref>  
Wilhelm Gemoll veröffentlichte zwei Fragmente einer in mittelhochdeutsch im 13. Jahrhundert (Raum: Mitteldeutschland) verfassten gereimten Bibelübersetzung. Erhalten sind das Ende von 2. Samuel, der Anfang von 1. Könige und ein Stück aus dem Buch Judith. "Viel treuer als die Weltchroniken thun gibt diese Dichtung die betreffenden Stücke wieder, so dass man sie eher als eine gereimte Übersetzung der Bibel denn als eine Weltchronik wird bezeichnen dürfen."<ref>Wilhelm Gemoll: "Bruchstücke einer Gereimten Bibelübersetzung", in: <i>Germania: Vierteljahrsschrift für deutsche Altertumskunde</i> 19 (1874), S. 339-343) [https://www.google.de/books/edition/Germania_Wien/E8BgAAAAcAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Bruchst%C3%BCcke+einer+gereimten+Bibel%C3%BCbersetzung+Gemoll&pg=PA339&printsec=frontcover Digitalisat]</ref>  


Aus 1. Könige 1:1-2 (Vergleich mit Luther (2017))
Aus 1. Könige 1:1-2 (Vergleich mit Luther (2017))
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=Frühmoderne 'Reimbibeln'?=
=Frühmoderne 'Reimbibeln'?=


Die Frage, ob es nach dem Mittelalter - besonders in der Zeit der Reformation - Werke gegeben hat, die man als 'Reimbibeln' bezeichnen könnte hängt davon ab, wie man diese definieren wolle. Klar scheint zu sein, dass die Entstehungsbedingungen und Motivationen für solche Werke andere sein dürften, wenn man voraussetzen kann, dass durch den Buchdruck und die hohe Verbreitung volkssprachlicher Übersetzung der Bibel das Element der Übersetzung aus dem Lateinischen (oder einer anderen alten Sprache) praktisch nicht mehr vorkommt. Die reformatorische Bewegung stand zudem für eine inhaltliche "Reinheit" des Inhalts, insofern Mischwerke, die legendarische oder außerbiblische Inhalte mit der Heiligen Schrift verbinden auch nicht mehr zu erwarten sind. Übrig bleibt eine erbauliche, bzw. erzieherische Motivation, dass durch gereimte/versifizierte Übertragungen die biblischen Texte der (einfachen) Bevölkerung auf erleichterte Weise nahegebracht werden sollte.  
Die Frage, ob es nach dem Mittelalter - besonders in der Zeit der Reformation - Werke gegeben hat, die man als 'Reimbibeln' bezeichnen könnte hängt davon ab, wie man diese definieren wolle. Klar scheint zu sein, dass die Entstehungsbedingungen und Motivationen für solche Werke andere sind, wenn man voraussetzen kann, dass durch den Buchdruck und die hohe Verbreitung volkssprachlicher Übersetzung der Bibel das Element der Übersetzung aus dem Lateinischen (oder einer anderen alten Sprache) praktisch nicht mehr ausschlaggebend ist.  
Tatsächlich haben Anhänger der Reformation eine lebhafte Aktivität darin entwickelt, auf verschiedene Weise lyrische Bearbeitungen biblischer Texte zur Vermittlung ihrer Inhalte zu nutzen.
 
Die reformatorische Bewegung stand außerdem zudem für eine inhaltliche "Reinheit" des Inhalts, insofern Mischwerke, die legendarische oder außerbiblische Inhalte mit der Heiligen Schrift verbanden auch kaum zu erwarten sind. Übrig bleibt eine erbauliche, bzw. erzieherische Motivation der Autoren, dass durch gereimte/versifizierte Übertragungen die biblischen Texte der (einfachen) Bevölkerung auf erleichterte Weise nahegebracht werden sollte.  
 
Tatsächlich hat die Reformation ihre Anhänger zu verschiedensten, auch poetischen Werken inspiriert, zu denen auch vorlagennahe oder sogar vorlagentreue lyrische Bearbeitungen biblischer Texte zählen..


==Reimen mit und nach Luther: Bibeldichtung im 16. Jahrhundert==
==Reimen mit und nach Luther: Bibeldichtung im 16. Jahrhundert==
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: Der für dir Herr bestünd? […]“<ref> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10205811?page=949</ref>
: Der für dir Herr bestünd? […]“<ref> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10205811?page=949</ref>


===Joachim Greff und das sächsische Reformationsdrama===
===Dramen: Joachim Greff und das sächsische Reformationsdrama===
Ein anderes Mittel stellten Dramatisierungen biblischer Stoffe dar, die im Stil der Zeit aus gereimten Mono- und Dialogen bestanden.
Ein anderes Mittel stellten Dramatisierungen biblischer Stoffe dar, die im Stil der Zeit aus gereimten Mono- und Dialogen bestanden.
Joachim Greff (1510-1552) dichtete verschiedene biblische Stoffe für Theateraufführungen um. Es entstanden die Dramen Jacob (1534), Susanna (1535), Judith (1536), Abraham (1540), Osterspiel (1542), Auferweckung des Lazarus (1545) und Zachäus (1546).  
Joachim Greff (1510-1552) dichtete verschiedene biblische Stoffe für Theateraufführungen um. Es entstanden die Dramen Jacob (1534), Susanna (1535), Judith (1536), Abraham (1540), Osterspiel (1542), Auferweckung des Lazarus (1545) und Zachäus (1546).  
Gegen Kritik anhaltischer Theologen wurden seine Stücke 1543 u.a. von Martin Luther und Philipp Melanchthon verteidigt.
Gegen Kritik anhaltischer Theologen wurden seine Stücke 1543 u.a. von Martin Luther und Philipp Melanchthon verteidigt.


===Evangelienharmonien===
===Evangelien- und Passionsharmonien===
Auch in der Zeit der Reformation waren Zusammenstellungen der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu aus den vier Evangelien weiterhin als Genre existent, wenn sie auch im reformatorischen Sinne von aprokryphen und nicht-biblischen legendarischen Elementen bereinigt wurden.
Auch in der Zeit der Reformation waren Zusammenstellungen der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu aus den vier Evangelien weiterhin als Genre existent, wenn sie auch im reformatorischen Sinne von aprokryphen und nicht-biblischen legendarischen Elementen bereinigt wurden.
1538 erschien zu Wittenberg „Das Leiden vnd Aufferstehung unsers Herrn Jhesu Christi aus den vier Evangelisten durch D. Johan Bugenhagen Pomern vleissig zusamen gebracht vnd nachmals durch Joachimum Greff von Zwickau jnn Deudsch Reim verfasset“ - eine erbauliche Evangelienharmonie.
1538 erschien zu Wittenberg „Das Leiden vnd Aufferstehung unsers Herrn Jhesu Christi aus den vier Evangelisten durch D. Johan Bugenhagen Pomern vleissig zusamen gebracht vnd nachmals durch Joachimum Greff von Zwickau jnn Deudsch Reim verfasset“ - eine erbauliche Evangelienharmonie.